Ist man als Mutter überfordert?

Wer eine Familie managt und dabei auch noch arbeiten geht, der weiß, daß dabei nicht immer alles glatt geht. Die tägliche Arbeit reicht für mindestens 48 Stunden, aber leider hat der Tag nur 24 davon.  Und man soll ja heute auch in allem Perfekt sein:  als Frau, Mutter, Freundin, Haushalts-Wunder, Karrierefrau.

Man soll ein sauberes, schönes Heim für die Familie haben, jeden Tag gesund und frisch kochen, natürlich mindestens Bio, sich um alle Belange des Kindes kümmern, mit ihm spielen, lesen, basteln, Hausaufgaben machen, Gedichte lernen, Vokabeln abfragen. Mindestens ein Ohr für den gestreßt von der Arbeit heimkommenden Mann haben, ihm zuhören und vor allem zustimmen bei seinen Erzählungen, wie furchtbar der Chef heute wieder war und dass der ja keine Ahnung hat, dafür sorgen, daß seine Hemden und Hosen sauber und gebügelt sind, ihn an seinen Arzttermin erinnern, pünktlich das Abendessen auf dem Tisch haben, da er ja dann pünktlich zum Kegel-Abend mit seinen Freunden los muß. Man muß das Haus umdekorieren, weil ja Ostern/Weihnachten und sonst was für ein Fest vor der Tür steht. Es müssen die sozialen Kontakte gepflegt werden, nach allen Seiten, also seine Tante Hildegard anrufen, die sich als Rentnerin immer langweilt und mit ihrer Zeit nichts anzufangen weiß, die dann am Telefon auch immer vorwurfsvoll sagt, daß es ja wohl auch mal wieder Zeit wäre, daß wir uns melden. Daß mein Mann sich nicht meldet, dafür hat sie ja Verständnis, er geht ja schließlich arbeiten, aber ich könnte mich ruhig öfter bei ihr melden und mal fragen, wie es ihr geht. Dass auch ich arbeiten gehe, Vollzeit wohlgemerkt, das erwähnt sie nicht, denn es ist ihr ja schon immer ein Dorn im Auge, daß ich so eine Rabenmutter bin und mich nicht um mein Kind kümmere, eben weil ich ja arbeiten gehe, ihrer Meinung nach zu meinem Vergnügen wohlgemerkt. Von einem Treffen mit meinen Freundinnen, von einem Hobby für mich, konnte ich nur träumen. Ich hatte zu tun, daß ich wenigstens einen Friseur-Termin für mich in die Reihe bekam.

Ja, ich kenne das familiäre Chaos, was manchmal herrscht(e). Heute ist mein Sohn groß, selbst verheiratet und Vater eines süßen kleinen Spatzes. Aber ich weiß noch sehr gut, wie schwierig es war, Kind, Mann, Haushalt, Haus und Berufstätigkeit unter einen Hut zu bringen. Manchmal schlug über mir einfach alles zusammen. Aus heutiger Sicht habe ich für mich ein klares Fazit gefunden: Es ist völlig egal, ob der Haushalt tipp topp in Ordnung ist. Die Aussage: Bei mir kann man vom Fußboden essen! habe ich schon sehr früh entkräftet, bei mir muß man nicht vom Fußboden essen, wir haben Teller. Und wen der Staub auf den Möbeln stört, dem kann ich ein Staubtuch in die Hand geben, und wer Wollmäuse findet, der darf sie behalten. Ich mußte meine Ansprüche diesbezüglich runter schrauben, es ging nicht anders. Und was soll ich sagen, wir haben es überlebt. Aber alles, was ich in mein Kind investiert habe, hat sich doppelt und dreifach ausgezahlt. Ich habe versucht, ihn gut zu erziehen, habe versucht, ihm alles zu ermöglichen, woran er Lust und Spaß hatte. Egal, ob es aller paar Wochen eine neue Sportart war, ob er mit Freunden Baumhäuser gebaut hat, er durfte sich einfach ausprobieren und seine eigenen Erfahrungen sammeln. Jeden Abend haben wir eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen, wir haben gesungen, wir haben gespielt. Ich habe geglaubt, ich mache alles richtig. In der Pubertät habe ich mein Kind manchmal gar nicht wieder erkannt, urplötzlich war alles anders, er war anders. Ich fing an, an mir zu zweifeln. Offensichtlich hatte ich gar nichts richtig gemacht, alles war falsch gelaufen. Die Pubertät brachte mich stärker an meine Grenzen, als die gesamte Zeit vorher. Man erreichte das Kind überhaupt nicht mehr, weder mit Worten noch mit Taten. Ich hatte manchmal das Gefühl, mein Kind ist ohne Hirn und Verstand. Auch wenn ich es damals nicht geglaubt habe, selbst diese schlimme Zeit ging vorbei. Und das Tollste war, mein Kind fand sein Gehirn wieder.

Heute weiß ich, daß diese Zeit völlig normal ist, aber sie auszuhalten ist hart für Eltern. Wenn ich heute sehe, wie mein Sohn mit seinem Kind umgeht, stelle ich fest, daß er alles das bei seinem Kind wiederholt, was er in seiner Kindheit erfahren hat. Es kann also doch nicht alles falsch gewesen sein, was ich versucht habe. Offensichtlich hat es doch gefruchtet. Alles das, was mein Kind bis zur Schulzeit zu Hause an Liebe, Geduld, Erziehung und Erfahrung erhalten hat, hat sich ganz tief eingeprägt. Ab der Schulzeit wurde der Einfluß der Eltern etwas weniger, er nahm bewußt wahr, daß es in anderen Familien anders zu ging, nicht unbedingt schlechter, eben nur anders. Er war alt genug, klug genug, sich selbst eine Meinung zu bilden. Der Erfahrungsschatz wurde größer. Für Eltern ist das manchmal eine schwierige Zeit. Wir bestimmen:  zieh das an, mach das, tu dies, nein, jetzt nicht, doch, das machst du jetzt und nicht später, weil ich es dir gesagt habe. Wenn Kinder älter werden, fangen sie an, alles zu hinterfragen. Warum ist das so? Wieso sagst du heute etwas anderes als gestern? Gestern durfte ich das Haus nicht ohne Mütze verlassen, obwohl ich sie nicht aufsetzen wollte. Heute darf ich ohne Mütze raus, weil du sie vergessen hast und ich dich erst jetzt daran erinnert habe.Wieso? Auch Eltern müssen lernen, daß sie nicht unfehlbar sind, auch wenn es manchmal peinlich ist, vom eigenen Kind dabei ertappt zu werden. Das Schwierige ist, die Prioritäten richtig zu setzen. Dieser Lernprozeß für Eltern hält ein Leben lang an.

 

 

Kindererziehung!?

Mein Büro liegt in einer ziemlich belebten Seitenstraße. Es gibt viele Wohnungen hier, einige Büros, einen Bäcker, einen Fleischer, einen Blumenladen und ….. eine Kita in unmittelbarer Nähe.

Tagsüber gehen die  Kleinen oftmals mit ein oder zwei Erzieherinnen durch diese Straße spazieren. Es ist schön zu sehen, wie die kleinen  Mäuse über den Fußweg schlurfen, immer zwei nebeneinander, sie haben sich an den Händen gefaßt und manchmal singen sie ein Lied oder laufen einfach nur gerade aus. Sie reden untereinander, miteinander, ab und zu hört man die Erzieherinnen. Lena, bitte faß den Stephan an der Hand.Marie, dort an dem roten Auto bleibst du bitte stehen. Im Sommer habe  ich manchmal die Eingangstür offen. Wenn sie dann an meiner Tür vorbei gehen, dann wird das auch jedesmal kommentiert. Die Tür ist offen. Ja sieh mal, dort ist die Tür offen. Manchmal ist das wie Stille Post, einer sagt es dem anderen und alle kommen zu der Feststellung, ja die Tür ist offen. Das entlockt mir immer ein Lächeln.

Nachmittags, wenn die Eltern ihre Kinder abholen, laufen sie mit ihren Kindern ebenfalls an meinem Büro vorbei. Oft höre ich sie schon von weitem. Zwei Mütter laufen nebeneinander und unterhalten sich, während die beiden Kinder vorneweg rennen. Bis zu meiner Bürotür. In der Tür ist ein Briefkastenschlitz eingelassen, gerade in der richtigen Höhe für kleine Kinderhände. Wenn die Kinder an meiner Bürotür angelangt sind, greifen die Händchen den Briefkastenschlitz und knallen diese Klappe auf und zu. Dong Dong Dong. Dong Dong Dong. Immer wieder. Dong Dong Dong.

Wenn die Mütter dann auch an meiner Bürotür angekommen sind, spielt sich immer wieder die gleiche Szene ab.

Das darf man aber nicht machen.

Dong Dong Dong

Bitte hör auf damit.

Dong Dong Dong

Würdest du bitte damit aufhören.

Dong Dong Dong

Das ist aber nicht schön, was du da machst.

Dong Dong Dong

Bitte laß das.

Dong Dong Dong

Würdest du bitte aufhören.

Dong Dong Dong

Ach bitte hör doch auf damit.

Dong Dong Dong

Komm wir wollen weiter gehen.

Dong Dong Dong

Ich hab dir doch gesagt, das darf man nicht machen.

Dong Dong Dong

Bitte hör auf damit.

Dong Dong Dong

Würdest du bitte damit aufhören.

Dong Dong Dong

Das ist aber nicht schön, was du da machst.

Dong Dong Dong

Bitte laß das.

Dong Dong Dong

Würdest du bitte aufhören.

Dong Dong Dong

Ach bitte hör doch auf damit.

Dong Dong Dong

Komm wir wollen weiter gehen.

Dong Dong Dong

Ich merke, wie mir langsam aber sicher der Hals schwillt. Ein Arbeiten ist in der Zeit nur sehr schwer möglich. Die Gedanken sind abgelenkt und dann gehen meine Gedanken auf Reisen.

Ja, Kinder sind neugierig. Ja, Kinder wollen alles im wahrsten Sinne des Wortes begreifen.

Ja, es kann an dem Briefkastenschlitz kaum etwas kaputt gehen. Ja, es ist nicht wirklich schlimm, was das Kind da tut. Aber wäre es nicht Aufgabe der Mutter, diesem nun schon 10 Minuten dauernden Dong Dong Dong ein Ende zu setzen? Kinder müssen ihre Grenzen kennen lernen, ja, richtig, aber dazu muß ich ihnen Grenzen aufzeigen. Sie müssen erfahren, wo ist denn die Grenze? Wann ist NEIN wirklich NEIN?

Auch ich bin Mutter, auch mein Kind war mal klein. Auch mein Kind mußte Grenzen austesten und hat sie weiß Gott ausgetestet. Aber es gab Grenzen, die wurden klar gesetzt. Wenn ich NEIN gesagt habe, dann meinte ich auch NEIN. Und wenn beim ersten Mal das NEIN vom meinem Kind nicht als NEIN akzeptiert wurde, dann habe ich es auch nochmal gesagt, nur der Tonfall wurde etwas schärfer. Mein Kind konnte sehr gut unterscheiden, ob das NEIN ein Angebot meinerseits war, oder ob es für ihn besser war, das NEIN zu beachten und damit aufzuhören, was immer er auch gerade getan hat. Dazu mußte ich ihn weder anschreien noch prügeln. Wenn das Erheben der Stimme nicht ausreichte, dann habe ich ihn eben einfach von der Sache an sich weggenommen, also hier zum Beispiel von der Tür weggedreht und weiter geschoben. Oder ich hätte ihm vorgeschlagen, sich doch mal dort vorn die kleine Miezekatze anzusehen, die da sitzt, oder zu schauen, ob denn das rote Auto da vorn Räder hat. Irgendwas ist mir immer eingefallen, um die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken.

Heute erlebe ich immer wieder, daß mit Kindern alles und jedes ausdiskutiert werden muß. Nein, du darfst die Glasflasche nicht aus dem Regal nehmen. Bitte stell sie wieder hin. Würdest du bitte die Flasche wieder hinstellen? Ich möchte, daß du die Flasche wieder hinstellst. Stell bitte die Flasche wieder hin. Kannst du bitte die Flasche wieder hinstellen? Bitte. Bitte stell sie wieder hin. Und das alles im gleichbleibend freundlichen Ton. Die Stimme wird weder erhoben noch lauter. Und das Kind? Es hört überhaupt nicht zu, es dreht und wendet die Flasche, schaut sie genau an, den Deckel, den Boden, das aufgeklebte Schild. Die Stimme der Mutter ist eines von vielen Geräuschen, was zwar stattfindet in der Umgebung des Kindes aber nicht wirklich wahrgenommen wird, geschweige denn der Inhalt der Aussage. Was passiert, wenn das Kind die Flasche fallen läßt? Wenn es sich an den Scherben schneidet? Ich habe es im Supermarkt erlebt, daß dann die Mutter auf einmal sehr laut werden konnte, nicht etwa zum Kind, nein, sie schrie nach einer Verkäuferin im Supermarkt und beschwerte sich lautstark, daß es ja wohl nicht sein könnte, daß die Glasflaschen so weit unten stehen, daß Kinder sie greifen können und sich dadurch verletzen. Und der Schaden an der Kleidung des Kindes wolle die Mutter selbstverständlich ersetzt haben.

Findet heute eigentlich noch Erziehung statt? Wenn Mütter reden, reden, reden, ohne daß beim Kind überhaupt eine Reaktion erfolgt auf das Gesagte, was läuft da falsch? Was macht die Mutter, wenn das Kind in seiner Spiel- und Bewegungsfreude losrennt und auf die Straße läuft, wo gerade ein Auto kommt. Ruft sie dann auch ganz freundlich, würdest du bitte stehen bleiben. Bleib bitte stehen. Ich möchte, daß du stehen bleibst. Also mein Kind wußte, wenn ich laut werde, dann ist es besser für ihn, er reagiert, weil irgendwas ist nicht in Ordnung.

Kinder sind Kinder, ihnen fehlt an vielen Stellen der Überblick, die Erfahrung, was passieren könnte, wie gefährlich eine Situation sein kann usw. Ist es da nicht Aufgabe des Erwachsenen, vorausschauend zu sein und die Kinder eben gerade nicht in diese Situation zu bringen? Wenn mein Kind voraus gerannt  ist und ich habe plötzlich HALT geschrieen, dann ist er wie versteinert stehen geblieben und hat mich mit großen fragenden Augen angesehen. Dann habe ich mich zu ihm runter gehockt und ihm erklärt, daß hier eben eine Straße ist, auf der Autos fahren. Und daß der Autofahrer diesen kleinen Knopf eben kaum sehen kann, wenn er zwischen zwei Autos durchrennt auf die Straße. Damit nicht anhalten kann und ihn im schlimmsten Fall umfährt.

Es gibt Situationen, in denen Kinder ihre Erfahrungen selber machen müssen. Aber welche Situation das ist, möchte ich gern selbst bestimmen. Da eignet sich von mir aus das Mittagessen. Wenn mein Kind keine Lust hatte, beim Tischdecken zu helfen, ok, dann ist es eben so. Ich habe ihn zwei, dreimal gebeten, die Teller auf den Tisch zu stellen. Er wollte nicht, hatte keine Lust, hat meine Bitte ignoriert, wie auch immer. Gut, dann hat eben sein Teller auf dem Tisch gefehlt. Und auf seine Frage, wo denn sein Teller sei, bekam er dann die Antwort, tut mir leid, du wolltest ja nicht mit helfen. Ohne Teller kein Essen. Wenn du etwas essen möchtest, mußt du dir deinen Teller alleine holen, den ich natürlich schon vorsorglich in der Küche auf den Tisch gestellt hatte. Also ist er wieder aufgestanden, hat sich seinen Teller geholt, auf den Eßtisch gestellt und dann bekam er sein Essen. Beim nächsten Mal, als ich ihn gebeten habe, beim Tischdecken mit zu helfen, kam prompt der Satz: Wenn ich nicht helfe, habe ich keinen Teller und kann nichts essen, stimmts Mama? Ja genau mein Schatz. So ist es. Dann stelle ich für uns die Teller auf den Tisch, dann können wir alle essen. Lektion gelernt.

Wenn ich heute mit offenen Augen durch die Gegend gehe, sehe ich, daß viele Eltern (nicht nur Mütter) ihre Kinder als Anhängsel mit sich herum schleppen, sie haben kein Auge für die Kinder, kein Ohr und erst recht keinen Verstand. Sie machen sich nicht die Mühe, ihre Kinder verstehen zu wollen, sie können oder wollen sich nicht in ihre Welt rein versetzen. Vieles machen Kinder eben NICHT ohne Sinn und Verstand. Sie denken, ja sie denken sich etwas dabei, wenn sie etwas tun. An den Eltern liegt es, diese Gedanken in die richtigen Bahnen zu lenken, sie von Irrtümern abzubringen und vor Schäden zu bewahren, ihnen auch klar zu machen, daß man eben manches NICHT tut, weil es für andere nicht schön ist.

Ja, der Briefschlitz an meiner Bürotür ist ein tolles Spielzeug. Es ist eine Klappe die man auf und zu machen kann. Und es macht auch noch ein super Geräusch. Aber für mich hinter dieser Tür ist es einfach nicht so toll, wenn man diese Klappe 10 Minuten auf und zu schlägt. Ja Schatz, daß ist eine Klappe, dort wirft die Frau, die die Post bringt, die Briefe und die Zeitungen rein. Wenn du mal groß bist und vielleicht Briefträger wirst, kannst du jeden Tage diese Klappe auf und zu machen. Aber jetzt hören wir damit auf. Komm wir gehen weiter, wir wollen doch noch auf den Spielplatz. Und am nächsten Tag wird genau dieser kleine Knirps vor meiner Bürotür stehen und sagen:  wenn ich mal groß bin, dann werde ich Briefträger und kann diese Klappe auf und zu machen, stimmts Mama?

Das Leben könnte so einfach sein.

Wer ist das?

Heute kam mein Kind mich im Büro besuchen. Ok, Kind ist vielleicht der falsche Ausdruck. Unter Kind stellt man sich einen kleinen niedlichen süßen  Fratz vor. Auch wenn „Klein“ doch sehr relativ ist, mit fast 1,90 m ist mein Sohn nicht wirklich als klein zu bezeichnen. Und da er in diesem Jahr zum 35. Mal seinen Geburtstag feiert sind die Adjektive niedlich und süß wohl auch fehl am Platze.

Jedenfalls hatte er zwischen zwei Terminen etwas Zeit, war in der Nähe und kam einfach auf einen Kaffee vorbei. Ich habe mich gefreut und wir saßen uns gegenüber, plauderten ein bißchen und tranken Kaffee.

Innerlich mußte ich mich zur Ordnung rufen, meine Hände zuckten und wollten ihm eine (definitiv nicht vorhandene)  Fussel vom Hemd streichen, das Hemd gerade zupfen und kurz durch die Haare streichen. Oh man, fehlt ja nur noch, daß ich ein Taschentuch raus hole und ihm damit über das Gesicht putze.

Da klingelte sein Telefon und er stand kurz auf und ging in die andere Ecke des Büros und redete mit einem Geschäftspartner. Ja, selbstverständlich, es bleibt bei unserem Termin in einer Stunde in meinem Büro. Aber gerne doch, dann bis später.

Ich beobachte ihn und fragte mich, wer zum Teufel ist der nette, junge, gut aussehende Mann da in meinem Büro? Kann das wirklich mein Kind sein? War es nicht erst gerade gestern, daß er voller Stolz sein selbst gemaltes Bild zeigte, auf dem nur er erkennen konnte, was es sein sollte. Ist er nicht eben erst mit aufgeschrammten Knien vom Fahrrad fahren nach Hause gekommen und hat ein Pflaster und Trost verlangt? Ist das Loch im Kopf, welches beim Fußball spielen versehentlich entstanden war, überhaupt schon verheilt? Waren wir nicht gerade voller Stolz und Freude bei der Feier seines bestandenen Abiturs? Saß er nicht gerade noch beim Schreiben seiner Diplomarbeit? Hatten wir nicht gerade eben noch diskutiert, ob er das Master-Studium noch dran hängt an das bestandene Diplom-Ingenieur-Studium? Habe ich nicht eben erst seine neue Freundin kennen gelernt? War nicht gestern erst der Polterabend und die Hochzeit? Und ist sein kleiner Sohn, mein kleines Enkelchen, nicht gerade jetzt soeben auf die Welt gekommen? Wo bitte ist die Zeit hin? Ist das etwa mein Kind?

Nein, er ist kein Kind mehr. Er ist ein erfolgreicher junger Mann mitten im Leben. Und ich hatte das Glück, daß ich ihn ein Stück auf seinem Lebensweg begleiten durfte.

 

Fehlerhafter Bauplan!?

Über die Entstehung des Menschen gibt es viele Hypothesen. Die einen sind der Meinung, wir sind göttliche Geschöpfe,  die anderen glauben, wir sind durch die Evolution entstanden. Und ich bin sicher, es gibt noch viele andere Theorien. Wer auch immer Recht hat, ich weiß es nicht, aber ich hätte da mal ein paar Fragen.

Wo kann ich Module dazu kaufen?

Ich hätte gern eine Verlängerung für meinen Arm, damit ich mich auch an den Stellen auf dem Rücken kratzen kann, wo ich jetzt alleine nicht hinkomme. Das nervt mich ziemlich. So eine Verlängerung für manche Teile des Menschen wäre doch ziemlich praktisch. Wenn notwendig, kann ich den Arm ausstrecken und er würde so lang werden, daß ich auch an das obere Regal im Supermarkt komme. Wahlweise könnte es auch mit den Beinen funktionieren. Hose zu lang? Einfach die Beine ein Stück verlängern. Zu groß, um durch einen niedrigen Raum zu laufen? Einfach die Beine ein Stück verkürzen und schon ist das Problem gelöst. Die Hinterbeine des Frosches sehen mir aus wie ein Prototyp. Daraus könnte man doch was entwickeln.

Warum kann ich mit meinen Augen nur ein bestimmtes Sichtfeld abdecken? Einige Tiere können mit ihren Augen eine 360 Grad Rundumsicht genießen. Das würde auch die Halswirbelsäule mancher Männer im Sommer entlasten! Und Frauen hätten endlich nicht nur alles im Griff, sondern auch alles im Blick.

Auch über die Eigenschaft des Chamäleons wäre nachzudenken. Schon manchmal habe ich mir gewünscht, im Boden zu versinken. Aber leider tat sich der Boden bisher niemals auf, zumindest nicht dann, wenn man es brauchte. Mit dem Chamäleon-Modul könnte ich mich in solchen Momenten der Umgebung anpassen und wäre so gut wie unsichtbar. Das wäre doch mal eine Maßnahme!

Ud wäre es möglich, gleich noch ein Anti-Mücken-Modul zu bestellen? Wenn 1000 Menschen zusammen stehen und genau da gibt es eine einzige Mücke, die sticht nicht die 999 anderen, nein, sie sticht ganz gezielt mich, und zwar nur mich. Wenn ich dann wild um mich schlage, weil die Mücke natürlich vorher dreckig lachend und summend um mich herum schwirrt, dann schauen die anderen 999 völlig verständnislos auf mich, denn sie können die eine bösartige Mücke weder hören noch sehen. Dazu ist die Mücke zu schlau. Sie sticht bei mir zu, gerne auch mehrfach, gerne an Stellen, an die ich nicht so einfach zum jucken ran komme. Zum Beispiel am Rücken. Und da fehlt mir…… genau ….. die Arm-Verlängerung.

Ich will ja nicht abstreiten, daß es im Laufe der wohl rund 3 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte ein paar Verbesserungen im Bauplan des Menschen gegeben hat. Aber mal ehrlich, einige sind ziemlich stümperhaft und wenig durchdacht. Als Beispiel will ich hier nur an die Behaarung erinnern. Einstmals war der Mensch wohl völlig behaart, ok, das wäre heutzutage vielleicht nicht so toll. Deshalb ist der Rückgang des Voll-Felles insgesamt zu begrüßen. Aber anstatt die Haare an den Beinen, den Armen und vor allem bei den Männern im Gesicht zu platzieren, würde ich es als wesentlich sinnvoller sehen, die Füße mit Haaren, sprich Fell, auszustatten. Das würde bedeuten, daß wir Frauen endlich keine kalten Füße mehr hätten. Das hätte doch was für sich.

Und dann die ständige Gefahr von Krankheiten! Mal ein bißchen gefroren, kalte und nasse Füße gehabt und peng! schon hat man sich eine Erkältung eingefangen. Besonders gefährlich ist ja der allseits bekannte Männerschnupfen. Mal ehrlich, ich habe noch keine Ente im Teich gesehen, die hustet oder niest! Und die ist die ganze Zeit im Wasser! Mit den Füßen! Bei Wind und Wetter! Bei Schnee und Eis! Genau dieses Modul brauche ich auch!

Also, wer ist für die Weiterentwicklung zuständig? An wen kann ich mich wenden?  Wo kann ich Module nachkaufen? Wer ist für die Entwicklung neuer Module verantwortlich? Gibt es einen Katalog über die neuesten Entwicklungen? In Papierform oder im Internet? Mit welchen Kosten muß ich rechnen? Wurden die Neuentwicklungen getestet? An wem? Gibt es dazu Erfahrungsberichte? Kann man Empfehlungen für Weiterentwicklungen einreichen? Gibt es vielleicht einen Blog dazu?

Fragen über Fragen. Wer kann mir helfen?

Drei Koffer, Vier Wochen

Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer. Sie sitzt in ihrem Lieblings-Sessel. Sie sitzt aufrecht, innerlich angespannt aber äußerlich ruhig. Sie wirkt erhaben über die Dinge, die passieren. Mit versteinertem Gesicht.

Sie ist eine ältere gepflegte Dame, die Löckchen hübsch zu Recht gemacht. Sie hat ihr gutes Kleid an, was ihr immer so gut gefallen hat und worin sie sich wohl fühlt. Der äußere Schein ist gewahrt. Wie es in ihr drinnen aussieht, weiß keiner. Und gerade in diesem Moment schwört sie sich selber, daß das auch keiner je erfahren wird.

Um sie herum herrscht reges Treiben. Vier Menschen laufen durch ihre Wohnung, von einem Zimmer zum anderen, sie reden, sie reden laut, sie reden miteinander, aber sie reden nicht mit ihr. Einer dieser Menschen ist der von ihr bestellte Umzugsunternehmer. Er wird ihre Wohnung beräumen. Alles leer machen, alles, worauf sie und ihr Mann einst so stolz waren und das ihnen beiden viel bedeutet hat. Dabei sind es weder die Möbel, noch der Fernseher oder das ganze andere Inventar, was ihre Wohnung für sie so besonders macht. Es sind die Bilder, die Erinnerungen, ihr Leben, das eng mit dieser Wohnung verbunden ist.

Und nun: Vor ihr stehen 3 Koffer. Mit diesen Koffern ist sie mit ihrem Mann im Urlaub gewesen, sie haben Bekannte besucht, haben sich Städte angeschaut. Bis vor 3 Jahren. Dann starb ihr Mann. Sie hat ihn geliebt, ihre Ehe war lang und schön, auch wenn ihnen keine Kinder geschenkt worden sind.

Nach dem Tod ihres Mannes fiel sie in ein tiefes Loch, aber sie war stark. Nach etwa einem Jahr hatte sie sich wieder berappelt, sie wußte,  sie kann und sie muß den Rest ihres Lebens allein verbringen. Ihr blieben ja noch die vielen schönen Erinnerungen.

Vor einem Jahr dann der Schock: Krebs. Weit fortgeschritten. Unheilbar. Ihr bliebe nicht mehr viel Zeit.

Nun sitzt sie hier, vor ihr die Koffer, die sie zu ihrer letzten Station begleiten werden, dem Hospiz. Die Ärzte meinten, wenn sie Glück hat, dann hat sie noch etwa vier Wochen.

Sie selbst hat sich zu diesem Schritt entschlossen: sie geht in ein Hospiz zum Sterben, sie ordnet alles, was es noch zu ordnen gibt, sie läßt die Wohnung beräumen, zahlt alle noch offenen Rechnungen, regelt ihren letzten Willen, Sie will so sterben wie sie gelebt hat, ordentlich und ehrlich.

Und doch sitzt sie in ihrem Sessel und zweifelt.Die drei Nachbarn, die mit in der Wohnung sind, hat sie gebeten, ihr bei der Auflösung der Wohnung behilflich zu sein. Das Feilschen um die Möbel, was zu welchem Preis an wen verkauft werden kann, soll, muß, der aggressive Ton der Leute untereinander, als wäre es ihr Eigentum, was sie zum bestmöglichen Preis verkaufen wollen, all das kommt ihr vor, wie das Handeln auf einem Basar. Ist den Leuten eigentlich klar, daß sie zwar krank aber nicht taub ist? Müssen die Gespräche vor ihren Augen und vor allem vor ihren Ohren geführt werden? Sie hatte sich einfühlsame und freundliche Menschen gewünscht, die ihr helfen sollten. Jetzt kommt sie sich vor wie eine Ware. Ihr Leben wird verschachert. Alles was ihr noch bleibt sind drei Koffer. Und auch die nur noch für vier Wochen. Wenn sie Glück hat.

Tränen rinnen über ihr Gesicht.

Post vom Finanzamt

Es kam ein Brief vom Finanzamt. Da von dort selten erfreuliche Post kommt, hatte ich ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Im Kopf schwirrten die Gedanken …. nein, eigentlich war ich mir keiner Schuld bewußt. Na mal sehen, ich öffnete den Brief.

Jupp, völlig klar, eine Mahnung. Was hatte ich denn wieder vergessen zu bezahlen? Das Finanzamt meinte, ich hätte noch 12,86 € Lohnsteuer offen. Und wenn ich nicht sofort und umgehend den offenen Betrag überweisen würde, dann würden sie andere Saiten aufziehen, wie Kontenpfändung, Gerichtsvollzieher, Zwangsvollstreckung usw.

Wow, ich bin ein echter Straftäter, ich schulde dem Staat 12,86 €. Was soll ich tun? Wenn ich meine noch vorhandenen Pfandflaschen wegschaffe, dann würde ich sicher ca. 6,00 € zusammen bekommen. Das wäre ungefähr die Hälfte. Und der Rest? Ich muß überlegen.

Wenn ich es mir recht überlege, befinde ich mich doch in guter Gesellschaft, Ulli Höneß, Alice Schwarzer, Boris Becker, Klaus Zumwinkel, Paul Schockemöhle, Peter Graf. Sorry, mehr fallen mir gerade nicht ein. Irgendwie haben die doch dann alle mit dem Finanzamt gedealt. So nach dem Motto: Ich habe 10 Millionen Euro Schulden, ich gebe dem Finanzamt freiwillig  6 Millionen Euro, und das Amt sagt dann, ok, paßt schon.  Ab wann kann man mit dem Finanzamt dealen? Ist das abhängig von der Höhe der Steuerschuld oder vom Vermögen, welches ich unrechtmäßig angehäuft habe oder von meinem „guten Namen“? Wie prominent muß ich sein, um dem Amt einen Deal vorschlagen zu können?  Ist das Angebot von 50 % der Steuerschuld zu wenig? Muß ich eigentlich dem Amt was anbieten oder bieten die mir was an? Kann ich das alleine machen oder brauche ich einen Rechtsverdreher? An wen wendet man sich da beim Finanzamt überhaupt? Also die Mitarbeiter, mit denen ich es bisher zu tun hatte, haben mir nicht den Eindruck gemacht, als könnte man mit ihnen einen Deal aushandeln. Das geht sicher erst in den oberen Etagen des Finanzamtes. Ab welcher Etage? Sollte ich da mal persönlich hin oder kann ich das telefonisch machen? Hm, bei persönlicher Vorsprache wird es schwierig, das Fahrgeld müßte ich vom Flaschenpfand nehmen. Damit wäre mein Angebot von 50 % in Gefahr.

Bringt man da eigentlich was mit? So ein Päckchen Kaffee oder eine Schachtel Pralinen? Ich könnte einen Blumenstrauß mitnehmen, auch blöd, wenn ich an einen Mann komme. Eine Flasche Schnaps? Und wenn der Beamte trockener Alkoholiker ist? Dann denkt der, ich will ihn ärgern oder reizen und reagiert  beleidigt. Und wenn ich was mitbringe, wovon soll ich das bezahlen, das Flaschenpfand ist schon für das Fahrgeld drauf gegangen. Nein, so komme ich nicht weiter.

Ich könnte einen Kredit aufnehmen. Aber als Selbständiger bekommst du heut zu Tage keinen Kredit. Und schon gar nicht, um deine Schulden beim Finanzamt zu bezahlen. Einen Kredit kannst du heute nur noch bekommen, wenn du genügend Geld hast. So als Sicherheit für die Bank. Dann stellt sich mir nur die Frage, wenn ich genug Geld habe, wozu brauche ich dann noch einen Kredit. Also das geht auch nicht.

Und wenn ich mein Auto verkaufe? Wie komme ich dann jeden Tag auf Arbeit? Ich müßte dann erst mit dem Bus fahren und dann mit der Straßenbahn. Ein Bus-Ticket kostet 6 €, mit der Straßenbahn dann nochmal 3,40 €, das wären 9,40 € für einmal zur Arbeit, abends wieder nach Hause nochmal 9,40 €, also täglich 18,80 €, bei rund 20 Arbeitstagen im Monat wären das 376 €,  ich tanke in der Woche für 50 €, also wären das bei 4 Wochen etwa 200 €, also kostet der Bus mich etwa 176 € im Monat mehr. Abgesehen von der Zeit. Mit dem Auto bin ich ca. 25 Minuten unterwegs, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln: eine gute Stunde mit dem Bus und dann nochmal ca. 20 Minuten mit der Bahn plus dem Weg von zu Hause zum Bus und vom Bus zur Bahn und von der Bahn ins Büro. Also bin ich für eine Strecke etwa 2 Stunden unterwegs, das wären 4 Stunden am Tag. Irgendwie macht das wirtschaftlich keinen Sinn. Zumindest nicht für mich.

Ok, ich könnte in die Stadt ziehen,  also Haus verkaufen, Wohnung suchen, Umzug organisieren. Dann wäre der Arbeitsweg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auch nicht mehr so teuer. Das wäre eine Option. Da wäre nur noch eine Frage zu klären, nämlich ob das Finanzamt gewillt ist, auf meine Zahlung so lange zu warten. Vielleicht sollte ich das telefonisch mal abklären. Also ans Telefon. Oh, es klingelt gerade an der Tür.

Na toll, mitten in meine Überlegungen platzt meine Mutter. Sie war grad in der Gegend (sprich beim Vati auf dem Friedhof) und wollte mit mir nur kurz einen Kaffee trinken und etwas plaudern. Also koche ich uns einen Kaffee und wir plaudern über Gott und die Welt. Da kommt mir die Idee, ich pumpe einfach meine Mutter an. Noch bevor ich den Gedanken zu Ende gebracht habe fragt sie mich: Was hast du dir eigentlich schönes von deinem Geburtstagsgeld gekauft?  Was??????? Oh man, ich Idiot! Na klar, sie hatte mir zum Geburtstag doch 50 € geschenkt. Das Geld liegt noch in der Geburtstagskarte im Schrank. MEIN PROBLEM IST GELÖST! Und für Mutti zur Beruhigung: Ach ich hab noch nichts gekauft für das Geld. Mal sehen, wann mir was schönes über den Weg läuft. Und in Gedanken hänge ich noch dran, so was Schönes wie das Finanzamt zum Beispiel.